Zeitspuren


Die "Nordwolle" in Delmenhorst

Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei - NW&K


 

Pförtnerloge

Die Nordwolle wurde 1884 von dem Bremer Unternehmer M.C.L. Lahusen gegründet. Die Firma expandierte sehr schnell und hatte 1907 bereits 2500 Beschäftigte. Viele kamen aus ärmlichen Verhältnissen und wurden aus industriell unterentwickelten Gebieten angeworben (Polen, Ungarn, Ukraine).

 

Die Einwohnerzahl Delmenhorsts stieg in dieser Zeit von ca. 6500 auf 20000. Diesem Wachstum war die kleine Stadt nicht gewachsen. Um der damit verbundenen Wohnungsnot entgegenzuwirken wurden von der Nordwolle Werkswohnungen und Häuser für die Beschäftigten gebaut. Es wurden viele "soziale" Einrichtungen (z.B. kleines Krankenhaus, Wohnheim, Leihbibliothek, Betriebskrankenkasse) errichtet, die die Verhältnisse der Arbeiter verbessern sollten. Vorbild waren die Krupp-Werke in Essen.

 

Diese Einrichtungen waren aber nicht unentgeltlich. Für die Kosten der sozialen Einrichtungen mussten die Arbeiter fast ihren gesamten Lohn, der einer der niedrigsten in ganz Deutschland war, aufbringen. Viele Arbeiter waren gezwungen neben ihrer regulären Arbeitszeit von 72 Stunden an 6 Tagen (12 Stunden/Tag) Überstunden zu leisten. 

 

Aufgrund der langen Arbeitszeiten, dem Mängel an Arbeitsschutzmaßnahmen und den schlechten hygienischen Verhältnissen kam es oft zu schweren Unfällen. Arbeitsbedingte Erkrankungen (Bronchitis, Gicht, Leiden an Augen und Lungen) waren aufgrund der hohen Staub- und Feuchtigkeitsbelastung an der Tagesordnung. Für die Arbeiter bedeutete dies Arbeitsunfähigkeit und Lohnausfall.

 

Wirtschaftlich entwickelte sich das Unternehmen recht erfolgreich. Im Jahr 1930 bestand der Konzern aus 11 Werken mit vielen eigenen Verkaufskontoren und Auslandsvertretungen. Die NW&K kontrollierte ca. 25% der Welt-Rohwolleverarbeitung. 

 

Im Juli 1931 mußte die NW&K mit 180 Mio Mark Schulden konkurs anmelden. Die Gebrüder Lahusen, die nach dem Tod des Firmengründers 1921 die Leitung des Konzerns übernommen hatten, wurden 1933 wegen diverser Vergehen gegen Bestimmungen des Handelsgesetzes und Betrugs zu fünf Jahren Gefämgnis und einer Geldstrafe verurteilt. Noch kurz vor dem Zusammenbruch hatten sie in Bremen ein modernes Verwaltungsgebäude ("Haus des Reiches" - jetzt Sitz der Bremer Finanzverwaltung) und ein Privatschloß ("Haus Hohehorst") bauen lassen.

 

Die 1932 gegründete Auffanggesellschaft profitierte von dem Wirtschaftsaufschwung und der Rüstungsproduktion in den 30er Jahren.

 

Auch nach dem Krieg konnte sich die Nordwolle behaupten. 1970 fusionierte sie mit der Kammgarnspinnerei Düsseldorf zur "Vereinigten Kammgarnspinnerei AG". Diese mußte aber 1980 aufgrund der starken Preisdrucks den die Niedriglohnländer auf die deutsche Textilindustrie ausübten Konkurs anmelden. Die Fabrik wurde stillgelegt und demontiert.

 

Lange wurde über die zukünftige Nutzung des Fabrikgeländes gestritten. 1990 wurden große Teile der Hallen abgerissen. Auf diesem Areal wurden dann Reihenhäuser und sogenannte Gartenhofhäuser errichtet. Der Kernbereich der historischen Gebäude wurde saniert. Öffentliche Einrichtungen (Volkshochschule, Fabrik- und Stadtmuseum, Kulturamt der Stadt), Gründerzentrum, Läden, Büros bezogen diese Gebäude.

 

An der Weltausstellung "EXPO 2000" in Hannover beteiligte sich Delmenhorst mit dem Projekt "nordwolle delmenhorst" an den dem dezentralen Programm "Stadt und Region als Exponat". Es sollte gezeigt werden wie stillgelegte Industrieareale durch moderne Nutzungsformen wieder "revitalisiert" werden konnten.

 

 

 

Quelle:  
"Im Land der Moore und Deiche"
Ausflüge links und rechts der Weser
Edition Temmen, Bremen 2001

 

 

 

 

 

 


Infos:

Die Familie Lahusen

Auszug aus dem WEB-Projekt:
"Ein Streifzug durch die Geschichte Bremens"
(Stand November 2005)

Zusammengestellt von Günter Garbrecht

Chronik der Nordwolle


 

Links:

 

Stadt Delmenhorst

 

Industriedenkmal Nordwolle

 

Fabrikmuseum Nordwolle

 

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Turbinenhaus - jetzt Fabrikmuseum

 

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Alte Maschinen als Skulpturen

 

Reihenhäuser auf dem Areal der ehemaligen Fabrikhallen


K. Pietsch , 2005